Peter of Poitiers’ Compendium historiae. A Living Work and its Transformations
FWF Internationales
Petrus von Poitiers konzipierte das Compendium historiae in genealogia Christi im Paris des späten 12. Jahrhundert, einer Zeit des intellektuellen Aufbruchs. Das in Form einer genealogischen Graphik angelegte Werk vermittelt in knapper Form einen Überblick über die biblische Geschichte von Adam bis Christus, dabei alle direkten Vorfahren Christi sowie die Abfolgen von Herrschergeschlechtern, Priestern und Propheten repräsentierend. Wie auf einer Zeitkarte ergibt sich so ein synoptisches Bild diachroner wie synchroner Beziehungen von Personen und Ereignissen. Das graphisch innovative Werk verbreitete sich schnell im gesamten lateinischen Westen, sowohl auf Rollen wie in Codices (hier meist als Mitüberlieferung). Bislang sind im Projekt mehr als 320 (darunter viele bislang unbekannte) Handschriften identifiziert. In Phase I wurde die enorme Breite und Vielfalt der Überlieferung in einer Datenbank erfasst, so dass sich nun ein präzises Bild der Transmissionskontexte wie der Werkvarianten ergibt. Wesentlich sind eine “kurze” und eine “interpolierte” Textfassung, die aber in graphisch und visuell äußerst heterogener Form erscheinen, wobei erste Varianzgruppen identifiziert werden konnten. Die frühere, “kurze” Fassung wurde durch eine visuelle Edition (einen navigierbaren Graph mit zwei weiteren Präsentationsschichten zu zusammenhängenden Abschnitten und einzelnen Elementen), einen kritischen Text und einen wissenschaftlichen Kommentar zu graphischen Strukturen, exegetischen Diagrammen und zur historischen und geistesgeschichtlichen Verortung erschlossen. Alle Projektergebnisse werden über ein Online-Portal zugänglich gemacht. Auf dieser Grundlage soll in Phase II das Compendium historiae als “lebendes Werk” betrachtet werden, das in der räumlich und zeitlich ausgreifenden Aneignung eine enorme Breite an Varianz in der graphischen Struktur, den Texten, den Diagrammen und Illustrationen und schließlich dem ikonographischen Programm zeigt. Damit treten auch die Funktionen des Werks für verschiedene Adressatenkreise sowie sein Einfluss und seine Wirkung in den Blick. Vier Ziele werden wir dabei fokussiert verfolgen: (1) Textdimensionen der Referentialität (Quellen, Personen, Orte) aufdecken und die “Texte in Bewegung” durch einen alternativen Navigationsgraphen und Lesungen der Interpolationen edieren. (2) Das variantenreiche ikonographische Repertoire, das sich (nach den weitgehend bilderlosen frühen Abschriften) ab dem 13. Jahrhundert voll entfaltet, erschließen und kunsthistorisch kommentieren. (3) Zusammenhänge zwischen den Adaptionen und Transformationen des Werks und seinen Funktionen bzw. Adressatenkreisen erforschen. (4) Die stemmatologische Analyse textlicher und graphischer Varianz multiperspektivisch vertiefen, wobei innovative Verfahren der automatisierten Text- und Layouterkennung eingesetzt und die Werkstrukturen durch eine formalisierte Repräsentation der Graph-Varianz erfasst werden.