Katrin Dennerlein
Senior Fellow im Cluster "Europäische Literaturen und ihre Wechselbeziehungen"
Werk – Fassung – Exemplar: Dramen von Frauen und die Neubeschreibung dramatischer Kommunikation um 1800
Zwischen 1740 und 1830 entstanden im deutschsprachigen Raum rund 300 originale Dramen und Übersetzungen von etwa 180 Dramatikerinnen. Obwohl diese Werke nachweislich publiziert, aufgeführt und in Theaterperiodika rezipiert wurden, spielen sie in der Literatur- und Dramengeschichtsschreibung bis heute kaum eine Rolle. Der Beitrag geht von der These aus, dass dieses Ungleichgewicht weniger auf ein Produktions- oder Überlieferungsproblem als auf ein Modellierungsdefizit der Literaturgeschichtsschreibung zurückzuführen ist. Kanonische Darstellungen orientieren sich überwiegend an den poetologischen Leitbewegungen von Sturm und Drang, Klassik und Romantik und erfassen dadurch die tatsächliche dramatische Kommunikation um 1800 nur unzureichend.
Ausgangspunkt ist die Bibliographie deutschsprachiger Dramatikerinnen von Susanne Kord, die in eine strukturierte digitale Datenbasis überführt und mit bibliographischen, biographischen und theaterhistorischen Informationen angereichert wird. Auf Grundlage eines FRBR-orientierten Modells, das zwischen Werk, Fassung, Manifestation und Einzelexemplar unterscheidet, werden Originale, Übersetzungen, Bearbeitungen und verschiedene Druckfassungen in ihren Beziehungen modelliert und mit Aufführungsdaten, Rezensionen und Theaterkritiken verknüpft. Dadurch lässt sich dramatische Kommunikation nicht allein über kanonisierte Werke, sondern über Prozesse literarischer Produktion, Zirkulation und Rezeption rekonstruieren.
Der Beitrag verbindet literaturhistorische Fragestellungen mit Methoden der Digital Humanities und entwickelt eine neue Perspektive auf die europäische Theaterkultur um 1800. Er zeigt, dass Dramen von Frauen integraler Bestandteil transnationaler literarischer Austauschprozesse waren und dass ihre Marginalisierung wesentlich auf den Kategorien traditioneller Literaturgeschichtsschreibung beruht. Ziel ist daher nicht eine bloße Erweiterung des Kanons, sondern eine Neubeschreibung des dramatischen Systems um 1800, die literarische Kommunikation, Theaterpraxis und materielle Überlieferung gleichermaßen berücksichtigt.
Lunch Lecture: Werk – Fassung – Exemplar: Dramen von Frauen und die Neubeschreibung dramatischer Kommunikation um 1800